
Adipositas: Beratung und Therapie in der Hausarztpraxis
Adipositas ist eine chronische Erkrankung und keine Frage mangelnder Disziplin. In Deutschland sind laut Robert Koch-Institut rund 19 % der Erwachsenen betroffen, bei standardisierten Messungen sogar bis zu 24 %. Die aktualisierte S3-Leitlinie der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG, Oktober 2024) stellt klar: Adipositas erfordert eine langfristige, oft lebenslange Behandlung – und der Hausarzt spielt dabei eine zentrale Rolle.
Was ist Adipositas?
Adipositas wird anhand des Body-Mass-Index (BMI) definiert: ab einem BMI von 30 kg/m² spricht man von Adipositas. Die WHO unterscheidet drei Schweregrade:
| Klassifikation | BMI (kg/m²) |
| Normalgewicht | 18,5–24,9 |
| Übergewicht (Präadipositas) | 25,0–29,9 |
| Adipositas Grad I | 30,0–34,9 |
| Adipositas Grad II | 35,0–39,9 |
| Adipositas Grad III | ≥ 40,0 |
Wichtig: Der BMI allein reicht für die Diagnose nicht aus. Die S3-Leitlinie empfiehlt zusätzlich die Bestimmung des Taillenumfangs, der Körperzusammensetzung (z. B. Bioimpedanzanalyse), metabolischer Parameter und der körperlichen Leistungsfähigkeit. Auch psychische und soziale Faktoren sind einzubeziehen.
Ursachen: Mehr als „zu viel essen“
Die Regulation des Körpergewichts unterliegt einer komplexen zentralnervösen Steuerung, an der hormonelle, metabolische und nervöse Signale beteiligt sind. Neben individuellen und genetischen Faktoren spielen soziale, wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen eine wesentliche Rolle. Eine Therapie, die allein auf individuelles Verhalten abzielt, greift daher zu kurz.
Zu den relevanten Risikofaktoren zählen unter anderem: genetische Veranlagung, Bewegungsmangel, ungünstige Ernährungsgewohnheiten, psychische Belastungen (Stress, Depression), Schlafmangel, bestimmte Medikamente sowie sozioökonomische Benachteiligung.
Folgeerkrankungen
Mit zunehmendem Schweregrad der Adipositas steigt das Risiko für zahlreiche Begleit- und Folgeerkrankungen erheblich:
- Typ-2-Diabetes mellitus
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Bluthochdruck, koronare Herzkrankheit, Schlaganfall)
- Fettstoffwechselstörungen (erhöhtes LDL, Triglyceride, erniedrigtes HDL)
- Nicht-alkoholische Fettlebererkrankung (NAFLD/MAFLD)
- Schlafapnoe-Syndrom
- Gelenkerkrankungen (Gonarthrose, Wirbelsäulenbeschwerden)
- Bestimmte Krebserkrankungen (u. a. Kolon, Mamma, Endometrium)
- Psychische Beeinträchtigungen und Stigmatisierung
Die SELECT-Studie (Lincoff et al., NEJM 2023) hat erstmals gezeigt, dass die medikamentöse Gewichtsreduktion bei adipösen Patienten ohne Diabetes den kombinierten Endpunkt aus kardiovaskulärem Tod, Herzinfarkt und Schlaganfall um 20 % senken kann. Adipositas ist damit ein eigenständiger, behandelbarer kardiovaskulärer Risikofaktor.
Therapie: Der multimodale Ansatz
Grundlage jeder Adipositasbehandlung ist nach der aktualisierten S3-Leitlinie (AWMF-Register Nr. 050/001, Version 5.0, Oktober 2024) die multimodale Basistherapie. Diese besteht aus drei Säulen:
1. Ernährungsumstellung
Ziel ist eine moderate Energierestriktion, keine Crash-Diät. Die Leitlinie betont, dass verschiedene evidenzbasierte Ernährungsstrategien gleichwertig sind – entscheidend ist die langfristige Umsetzbarkeit im Alltag. Bereits eine Gewichtsreduktion von 5–10 % des Ausgangsgewichts bringt messbare gesundheitliche Vorteile.
2. Bewegungssteigerung
Empfohlen werden 150–300 Minuten moderate oder 75–150 Minuten intensive Ausdaueraktivität pro Woche, ergänzt durch Krafttraining an mindestens zwei Tagen. Im Alltag: 30–60 Minuten tägliche Bewegung. Jede Steigerung der körperlichen Aktivität ist wirksam – auch wenn die Zielwerte nicht vollständig erreicht werden.
3. Verhaltensmodifikation
Verhaltenstherapeutische Strategien helfen, ungünstige Gewohnheiten zu erkennen und nachhaltig zu verändern. Dazu gehören Selbstbeobachtung, Stressmanagement, Motivationsförderung und Rückfallprävention. Schulungsprogramme, die alle drei Komponenten integrieren, erzielen die besten Ergebnisse.
Medikamentöse Therapie: GLP-1-Agonisten und mehr
Wenn die Basistherapie allein nicht ausreicht, können ergänzend gewichtsreduzierende Medikamente eingesetzt werden. Die Pharmakotherapie der Adipositas hat in den letzten Jahren eine erhebliche Entwicklung durchlaufen. Aktuell zugelassen für die Adipositastherapie in Deutschland sind:
- Liraglutid (Saxenda®) – GLP-1-Rezeptor-Agonist, tägliche Injektion
- Semaglutid (Wegovy®) – GLP-1-Rezeptor-Agonist, wöchentliche Injektion
- Tirzepatid (Mounjaro®/Zepbound®) – dualer GLP-1/GIP-Rezeptor-Agonist
- Orlistat – Lipasehemmer (orale Einnahme)
Die neuen GLP-1-basierten Wirkstoffe erzielen in Studien eine Gewichtsreduktion von 15–22 % des Ausgangsgewichts und verbessern gleichzeitig kardiovaskuläre Risikofaktoren. Die S3-Leitlinie gibt hierfür eine „kann“-Empfehlung, da Langzeitdaten aus der Routineversorgung noch begrenzt sind.
Wichtiger Hinweis zur Kostenerstattung: Alle zugelassenen gewichtssenkenden Medikamente sind derzeit rezeptpflichtig, aber nicht durch die GKV erstattungsfähig (§ 34 SGB V). Die Kosten müssen von den Patienten selbst getragen werden. Eine Änderung dieser Regelung wird frühestens 2026/2027 erwartet. Bei Privatversicherten hängt die Erstattung vom jeweiligen Vertrag ab.
DMP Adipositas: Ein neues Kapitel
Seit 2024 gibt es in Deutschland ein Disease-Management-Programm (DMP) für Adipositas. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat die Anforderungen auf Grundlage aktueller Leitlinien festgelegt. Einschreiben können sich Erwachsene mit einem BMI ab 30 (bei BMI 30–35 muss zusätzlich mindestens eine Begleiterkrankung vorliegen, ab BMI 35 ohne weitere Voraussetzung).
Das DMP umfasst ein multimodales Schulungsangebot mit individualisierten Empfehlungen zu Ernährung und Bewegung. Die Umsetzung in der Praxis befindet sich allerdings noch im Aufbau: Evaluierte Schulungsprogramme werden derzeit von der DAG und DDG gemeinsam entwickelt, und regionale Verträge zwischen Kassenärztlichen Vereinigungen und Krankenkassen müssen noch geschlossen werden.
Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA)
Als neue Behandlungsoption können zertifizierte digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) auf Rezept verordnet werden. Diese app-basierten Programme unterstützen die multimodale Basistherapie durch strukturierte Anleitungen zu Ernährung, Bewegung und Verhaltensänderung. Klinische Studien zeigen, dass die Nutzung solcher Programme zu einer signifikanten Gewichtsreduktion führt. DiGA sind derzeit der einzige Therapiebaustein, der regelmäßig von der GKV erstattet wird.
Wann kommt die bariatrische Chirurgie in Frage?
Bei schwerer Adipositas (Grad III, BMI ≥ 40) oder ab Grad II (BMI ≥ 35) mit relevanten Begleiterkrankungen kann eine bariatrische Operation erwogen werden, wenn konservative Maßnahmen nicht ausreichend wirksam waren. Zu den etablierten Verfahren gehören Schlauchmagen und Magenbypass. Die Chirurgie erzielt die größte langfristige Gewichtsreduktion und verbessert Begleiterkrankungen nachhaltig, erfordert aber eine lebenslange Nachsorge und Supplementation.
In Deutschland werden bariatrische Eingriffe vergleichsweise zurückhaltend eingesetzt. Internationale Leitlinien empfehlen teilweise einen früheren Operationszeitpunkt als in der deutschen Praxis üblich.
Stigmatisierung vermeiden
Die aktualisierte S3-Leitlinie widmet der Stigmatisierung von Menschen mit Adipositas erstmals ein eigenes Kapitel. Gewichtsbezogene Stigmatisierung ist in der Gesellschaft und auch im Gesundheitssystem weit verbreitet. Sie erhöht den Leidensdruck der Betroffenen und kann die Therapie negativ beeinflussen. Eine respektvolle, wertfreie Kommunikation in der Arzt-Patienten-Beziehung ist daher grundlegend für den Therapieerfolg.
Unser Angebot im MVZ Maintal
Als Ihre Hausarztpraxis in Maintal und Bruchköbel begleiten wir Sie bei der Behandlung von Übergewicht und Adipositas:
- Ausführliche Diagnostik: BMI, Labordiagnostik (inkl. Stoffwechsel- und Longevity-Parameter wie Lipoprotein(a), ApoB, hsCRP), Blutdruck, körperliche Leistungsfähigkeit
- Individuelle Ernährungs- und Bewegungsberatung
- Verordnung von DiGA auf Kassenrezept
- Beratung zu medikamentösen Therapieoptionen (GLP-1-Agonisten)
- Langfristbetreuung und Monitoring von Begleiterkrankungen
- Koordination mit Fachärzten, Ernährungstherapeuten und spezialisierten Zentren
- Prävention: Gesundheits-Check-up, Krebsfrüherkennung, Impfberatung
Vereinbaren Sie einen Termin – online über Doctolib oder telefonisch:
Quellen
[1] Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG): S3-Leitlinie Adipositas – Prävention und Therapie. AWMF-Register-Nr. 050/001, Version 5.0, Oktober 2024. register.awmf.org/de/leitlinien/detail/050-001
[2] Robert Koch-Institut: Übergewicht und Adipositas bei Erwachsenen in Deutschland – GEDA 2019/2020-EHIS. Journal of Health Monitoring 3/2022.
[3] Lincoff AM et al.: Semaglutide and Cardiovascular Outcomes in Obesity without Diabetes. N Engl J Med 2023; 389: 2221–32. (SELECT-Studie)
[4] Hauner H, Lautenbach A, Blüher M: Umsetzung der leitlinienbasierten Basistherapie der Adipositas in Deutschland. Dtsch Med Wochenschr 2025.
[5] Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA): DMP Adipositas – Anforderungen. Beschluss vom 18.01.2024, in Kraft seit 01.04.2024. g-ba.de
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Bei Fragen zu Ihrer persönlichen Situation sprechen Sie uns direkt an.
Leave a reply