
Impfungen und gesundes Älterwerden: Mehr Schutz, als die meisten denken
Wenn Sie an Impfungen denken, denken Sie wahrscheinlich an Schutz vor Grippe, Lungenentzündung oder Gürtelrose.
Das ist richtig, aber unvollständig.
Forschungsergebnisse der letzten Jahre zeigen: Einige der ganz normalen Impfungen für Erwachsene leisten offenbar mehr. Sie senken auch das Risiko für Demenz und für Herzinfarkt.
Diese Erkenntnisse stammen nicht aus Werbeprospekten von Impfstoffherstellern. Sie kommen aus großen wissenschaftlichen Studien, die in den renommiertesten medizinischen Fachzeitschriften der Welt erschienen sind – darunter Nature, JAMA und Circulation.
In diesem Beitrag erklären wir, was heute gut belegt ist, was wahrscheinlich ist und wo offene Fragen bleiben. Ohne Schönfärberei, aber auch ohne unnötige Aufregung.
Warum das Immunsystem im Alter besondere Aufmerksamkeit braucht
Mit den Jahren verändert sich unser Immunsystem in zwei Richtungen, und beide sind ungünstig:
- Es wird schwächer im Kampf gegen neue Erreger.
- Es wird gleichzeitig unruhiger – im ganzen Körper läuft eine leise, dauerhafte Entzündungsreaktion ab. Fachleute nennen das Inflammaging (eine Wortmischung aus Inflammation = Entzündung und Aging = Altern).
Diese stille Entzündung ist heute als einer der wichtigsten Treiber des Alterns bekannt. Sie begünstigt Arterienverkalkung, Muskelabbau, Krebs und vermutlich auch den geistigen Abbau.
Hier kommen Impfungen ins Spiel. Sie schützen nicht nur vor der jeweiligen Krankheit. Sie greifen offenbar auch in genau diese Alterungsprozesse ein.
Die Gürtelrose-Impfung und Demenz
Was die Studien zeigen
Die wohl spannendste Entdeckung der letzten Jahre: Wer gegen Gürtelrose (Herpes Zoster) geimpft ist, erkrankt seltener an Demenz.
Eine sehr saubere Studie aus Wales, 2025 in Nature veröffentlicht, hat gezeigt: Geimpfte hatten über sieben Jahre ein um etwa ein Fünftel niedrigeres Risiko, eine Demenz zu entwickeln. Diese Studie ist deshalb so wichtig, weil sie eine Besonderheit ausgenutzt hat – in Wales bekam die Impfung damals nur, wer nach einem bestimmten Stichtag geboren war. Dadurch ließen sich Geimpfte und Ungeimpfte besonders fair vergleichen.
Eine zweite große Studie aus den USA (2024 in Nature Medicine) hat den heute verwendeten Impfstoff Shingrix untersucht – und ist zum gleichen Ergebnis gekommen. Weitere Studien aus Kanada, England und Australien bestätigen den Effekt.
Warum funktioniert das?
Der Erreger der Gürtelrose – das Varizella-Zoster-Virus – ist derselbe, der auch Windpocken auslöst. Nach einer Windpocken-Infektion in der Kindheit verschwindet das Virus nicht. Es schlummert lebenslang in Nervenzellen. Wenn das Immunsystem im Alter nachlässt, kann es wieder aktiv werden – mal als sichtbare Gürtelrose, oft aber auch unbemerkt im Hintergrund.
Es gibt gute Hinweise darauf, dass diese stillen Reaktivierungen langfristig dem Gehirn schaden. Die Impfung verhindert das.
Übrigens: Der Schutzeffekt war bei Frauen deutlich stärker ausgeprägt als bei Männern. Warum, ist noch nicht abschließend geklärt.
Was offen bleibt
Niemand kann bisher sagen, ob der Effekt eine Demenz vollständig verhindert oder „nur“ um Jahre hinauszögert. Beides wäre für die meisten Patienten ein großer Gewinn – aber es ist wichtig, hier ehrlich zu bleiben: Eine Garantie gibt es nicht.
Die Grippe-Impfung und das Herz
Grippe ist mehr als eine schwere Erkältung
Eine echte Influenza belastet den ganzen Kreislauf. In den ersten Tagen nach einer Grippe steigt das Risiko für einen Herzinfarkt deutlich an – Studien zeigen eine Versechsfachung in der ersten Woche nach der Infektion. Der Grund: Die Entzündung im Körper destabilisiert vorhandene Ablagerungen in den Herzkranzgefäßen.
Was die Impfung bringt
Hier ist die Datenlage besonders eindeutig, weil es echte randomisierte Studien gibt – also den höchsten Standard medizinischer Forschung. Eine zentrale Untersuchung (IAMI-Studie, 2021 in Circulation) hat Patienten direkt nach einem Herzinfarkt entweder geimpft oder ein Scheinmedikament gegeben. Ergebnis nach einem Jahr:
- 28 Prozent weniger schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse
- 41 Prozent weniger Herz-Kreislauf-Todesfälle
Eine Zusammenfassung mehrerer solcher Studien bestätigt: Die jährliche Grippe-Impfung senkt das Risiko für schwere Herzprobleme bei Risikopatienten um etwa ein Viertel.
Das ist eine Wirkung, die mit gängigen Herzmedikamenten vergleichbar ist – bei deutlich geringeren Kosten und Nebenwirkungen.
Die europäischen und amerikanischen Herzgesellschaften empfehlen die Grippe-Impfung deshalb ausdrücklich für alle Patienten mit Herzerkrankungen. Trotzdem wird sie bei genau dieser Gruppe oft vergessen.
Die Pneumokokken-Impfung
Pneumokokken sind Bakterien, die schwere Lungenentzündungen verursachen können – besonders bei älteren Menschen. Eine solche Lungenentzündung ist nicht nur an sich gefährlich. Sie kann auch das Herz akut belasten und das Sterberisiko deutlich erhöhen.
Große Untersuchungen mit insgesamt mehreren hunderttausend Patienten zeigen: Geimpfte ab 65 Jahren haben
- ein rund 25 bis 30 Prozent niedrigeres Risiko, in den Folgejahren zu sterben (aus jeglicher Ursache),
- ein niedrigeres Risiko für einen Herzinfarkt.
Wichtig zur Einordnung: Diese Daten stammen aus Beobachtungsstudien. Solche Studien können leicht überschätzen – weil Menschen, die sich impfen lassen, oft generell gesundheitsbewusster leben. Trotzdem ist der gemessene Effekt zu groß und zu konsistent, um ihn nur darauf zurückzuführen.
Was Sie konkret tun können
Die folgenden Impfungen werden in Deutschland von der Ständigen Impfkommission (STIKO) empfohlen und von der Krankenkasse bezahlt:
- Grippe: Jährlich ab 60, früher bei Risikoerkrankungen wie Diabetes, COPD, Herzschwäche
- Pneumokokken: Einmal ab 60
- Gürtelrose (Shingrix): Standardmäßig ab 60, zwei Dosen im Abstand von 2 bis 6 Monaten
- RSV (ein Atemwegsvirus): Ab 75, bei Risikopatienten ab 60
- Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten: Auffrischung alle 10 Jahre
Neu seit 2026: Die Gürtelrose-Impfung wird jetzt auch jüngeren Patienten ab 18 Jahren empfohlen, wenn sie ein erhöhtes Risiko haben – etwa unter Chemotherapie, nach Organtransplantation, bei rheumatischen Erkrankungen oder schwerer COPD.
Wie sicher sind diese Impfungen?
Alle hier besprochenen Impfungen sind seit Jahren bis Jahrzehnten im Einsatz und millionenfach geprüft. Wie bei jedem Medikament gibt es Nebenwirkungen – meistens lokal an der Einstichstelle, manchmal Müdigkeit oder Fieber für ein bis zwei Tage. Schwere Nebenwirkungen sind selten.
Die Impfung gegen Gürtelrose mit Shingrix kann in den ersten Tagen kräftiger reagieren als viele andere Impfungen. Das liegt am sogenannten Wirkverstärker (Adjuvans), der die Impfwirkung deutlich verstärkt. Diese Reaktion ist unangenehm, aber nicht gefährlich – und sie zeigt, dass das Immunsystem aktiv arbeitet.
Worauf Sie achten sollten
Lassen Sie Ihren Impfpass beim nächsten Praxisbesuch prüfen. Viele Patienten haben Lücken, ohne es zu wissen. Das gilt nicht nur für ältere Menschen, sondern besonders auch für jüngere mit chronischen Erkrankungen.
Sprechen Sie uns an, wenn:
- Ihr letzter Tetanus-Impfschutz länger als 10 Jahre zurückliegt
- Sie noch nie gegen Gürtelrose geimpft wurden und über 60 sind
- Sie eine Herz- oder Lungenerkrankung haben und nicht jährlich gegen Grippe geimpft werden
- Sie eine immunschwächende Therapie erhalten – auch wenn Sie unter 60 sind
Termine im MVZ Maintal
Wir beraten Sie gern persönlich – an unseren Standorten in Maintal-Hochstadt und Bruchköbel. Termine vereinbaren Sie online über Doctolib oder telefonisch.
Wenn Sie unsicher sind, welche Impfungen für Sie sinnvoll sind, vereinbaren Sie einen kurzen Beratungstermin. Wir prüfen gemeinsam Ihren Impfpass und besprechen, was zu Ihrer persönlichen Situation passt.
Falls hier noch nicht digital vorliegend, lassen Sie uns Ihren Impfpass einige Tage vor dem Termin zukommen (z.B. per email oder Doctolib).
Eine ehrliche Schlussbemerkung
Impfungen sind kein Allheilmittel und keine Garantie. Sie sind aber, neben Bewegung, gesunder Ernährung, Nichtrauchen und gutem Schlaf, eine der wenigen Maßnahmen mit nachgewiesener Wirkung auf gesundes Älterwerden – und sie kosten Sie nichts außer einem kurzen Termin.
Vor dem Hintergrund der aktuellen Studien spricht aus medizinischer Sicht sehr viel dafür, sie ernst zu nehmen.
Quellen (für Interessierte)
Die wichtigsten Studien hinter diesem Beitrag wurden veröffentlicht in: Nature (2025), Nature Medicine (2024), Cell (2025), JAMA (2025), Circulation (2021), New England Journal of Medicine (2018) sowie in den Empfehlungen der STIKO 2026 (Robert Koch-Institut). Eine ausführliche Literaturliste stellen wir auf Anfrage gern zur Verfügung.
Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Welche Impfungen für Sie persönlich sinnvoll sind, klären wir individuell.
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